Montag, 11. November 2013

Tonna: Doors


Ich sitze in meinem Zimmer, in dem blauen, viel zu prall gefüllten Sitzsack, den mir mein Cousin vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Ich habe mein Handy ausgeschaltet und mir mein Lieblingsbuch genommen und lese nun die Stelle, in welcher Atréju auf die Uralte Morla trifft, nur diese, wieder und wieder.

Mein Vater unten im Wohnzimmer hört Musik, mit dem Plattenspieler, glaube ich. Das höre ich daran, dass es immer nach ein paar Liedern eine Pause gibt, in der er die Platte wechselt oder umdreht. Er hört alte Lieder von den Doors. Irgendwann spielt der Plattenspieler Unhappy Girl. Das ist mein Lieblingslied. Aber ich glaube nicht, dass mein Vater das weiss. Ich glaube nicht einmal, dass er weiss, dass ich die Doors kenne. Mein Vater weiss nicht so viel von mir.

Einmal waren wir in Paris, mit der Schule, da gingen wir auf den Friedhof, dorthin wo der Grabstein von Jim Morrison steht. Da stand ein Mann, fünfzig vielleicht, sechzig, der mit seinem Handy Doors abspielte und auf Jim Morrisons Grabstein starrte und weinte, und ich dachte, es gibt nichts Traurigeres auf der ganzen Welt als ein Mann, der über den Tod eines Fremden weint, als hätte er ihn gekannt.

Sonntag, 10. November 2013

Una: Vor dem Schlaf


Jetzt will ich Aila schreiben. Oder am besten nicht Aila, sondern den anderen: Wir könnten sie überraschen. Ich stelle mir vor, wie ich Leute zu Aila einlade: der Papagei, der die Tequilaflasche in der Hand hochhebt und über den Balkon kotzt. Adorno, der sicher da übernachten würde. Adorno ist immer schon betrunken, wenn die ersten guten Lieder laufen, wenn die meisten Leute kommen, wenn die ersten interessanten Gespräche anfangen: Trotzdem ist er unverzichtbar. Er ist der Fixstern im Universum jeder Party, weil er immer in seinem Sessel sitzt und den Überblick zu haben scheint, und solange Adorno noch nicht auf dem Sofa pennt, ist die Party noch nicht vorbei.
Fee würde sicher Rotwein mitbringen. Oder Weisswein? Jedenfalls hat sie immer Wein dabei. Quentin würde entweder so betrunken sein wie gestern, oder er würde den ganzen Abend Wasser trinken und sich mit Tonna unterhalten.
Die Bilder passen überhaupt nicht zu Aila nach Hause, zu ihrem kleinen Zimmer mit der riesigen Leinwand, die ihr den Weg zur Türe verperrt, die sie aber absichtlich nicht in ein anderes Zimmer stellt – sie sagt, die Enge des Zimmers inspiriere sie. Ich glaube, sie will einfach, dass alle sehen, dass sie malt.
Die Bilder passen auch nicht zur hellen Küche, zu den Ayurveda-Kochbüchern und zur streunenden Katze, die Aila zähmen will, die aber immer vor ihr davonrennt. Von mir liess sie sich ein paar Mal streicheln.

Ich schreibe Adorno und Fee und Häschen. Und weil das so wenige sind, schreibe ich noch Quentin und Tonna. Nachher lege ich mich schlafen. Meine Katze klettert wieder auf mein Bett. Ich höre, wie meine Mutter unten Tee kocht. Der Moment vor dem Einschlafen ist immer simpel und schön, wie, wenn man noch ein Kind ist. In meinem Traum schwimme ich nochmal im Fluss, allein.

Aila: Teppichflusen


Ich stehe auf und gehe ins Bad und vor dem Spiegel denke ich: Ich sehe aus wie ein Typ, ich sollte mir mal wieder meine Augenbrauen zupfen; dann beginne ich an dem kleinen Hügel am linken Mundwinkel herumzukratzen, das Sonnenlicht durchs Fenster tut weh im Kopf, und ich frage mich, ob gestern wirklich zwei Sex hatten auf dem Klavier, Una hat nicht gewusst, wer es war, aber sie meinte, Adorno hätte es ihr gesagt, und der erfindet sowas nicht. Lehne mich zurück an die geflieste Badezimmerwand, ziehe mein Schlaf-T-Shirt aus; blasse Brüste und ich frage mich, wie das ist auf einem Klavier, ob man da den Deckel über den Tasten geschlossen hat und ob mich auch mal jemand an ein Klavier drücken wird. Wieso tun das eigentlich immer die Leute, von denen man es sowieso erwartet? Ich meine ich weiss nicht, wer es war, aber es war sicher ein Typ mit Karohemd, und es war sicher ein Mädchen mit kurzen Jeanshöschen, es gab so viele von denen dort, so viele, ich weiss gar nicht, woher J die alle kannte.
Ich ziehe meine Unterhose aus und werfe sie auf den Teppich und habe plötzlich Lust, auf die Flusen zu spucken. Doch dann wäre der Teppich einfach feucht, und selbst wenn ich nackt in den Garten stehen würde, würden meine Nachbarn einfach blöd dreinschauen und schlimmstenfalls ihren Sonnenschirm aufstellen, um mich nicht sehen zu müssen, selbst dann würde nichts Unerwartetes oder Aufregendes passieren, und alles war so vorhersehbar.

Una: Nach dem Tag


Ein Wort, das ich auch einmal auseinander genommen habe, war Nachtag. Ich weiss gar nicht, woher das Wort kommt, ob es das wirklich gibt oder ob es irgendjemand einmal konstruiert oder erfunden oder übernommen hat. Nach Tag, das heisst nach dem Tag, nach dem, was wir als Tag anschauen, und das ist die Nacht. Die Nacht ist der Hauptteil, und der Tag danach ist der unliebsame Rest, wie der letzte Schluck einer Flasche Bier, der schon schal ist und nach Spucke schmeckt. Der Tag danach macht einen gewiss, dass Bier, wenn es nicht vorher gekühlt und geschlossen gelagert wurde, eigentlich gar nicht gut ist. Der Nach-Tag, der selbst ein Tag sein will, aber keiner ist, da an ihm selbst sich nur noch die Denkprozesse vollziehen, und nichts ist schädlicher für Spass und Exzess als Denkprozesse. Sie zersetzen und zerfetzen alles Ästhetische und Erstrebenswerte: Jeden Flussmoment, jeden Balkonmoment, jeden Hinterzimmermoment.

Gestern gab es viele solche Momente: Adorno und ich im Fluss. Diese neuen Mädchen und Häschen und ich um den Sofatisch herum, Trinkspiele spielen, Quentin tanzt auf dem Tisch, aber keiner schaut zu ihm, und das stört ihn bestimmt. Das Heimgehen barfuss über den warmen Asphalt, allein. Und Häschen heute morgen – eigentlich war es ein netter Kuss. Für die paar Momente. Das Denken konnte schön im Gras versinken, oder im Fluss, oder in beidem.

Freitag, 8. November 2013

Una: Frei und radikal


Aila hat Geburtstag. Es fällt mir in dem Moment ein, in dem ich das Meersalz vom Gewürzregal nehme, um es auf das Weissbrot zu streuen, das schon etwas hart ist, aber ich habe einen Nachtag, und ich will Salz essen, am liebsten pur, aber ich habe irgendwo einmal gelesen, dass man stirbt davon.


Es ist Ailas achtzehnter Geburtstag, und ich habe die ganze Nacht nicht daran gedacht. Wir waren bei J und haben gefeiert, aber nicht sie, sondern, ja, was wir eigentlich gefeiert haben, weiss ich auch nicht. Ob ihr um zwölf jemand gratuliert hat? Ich bin mir nicht sicher, ob es irgendjemand gewusst hat. Fee vielleicht. Nachdem wir zusammen in den Fluss gesprungen sind, ging Aila weg. Ich habe sie noch einmal gesehen: Sie stand an einer Türe. Ich habe, glaub ich, ein Glas Wasser mit ihr getrunken, in der Küche. Wenn ich mit Aila zusammen bin, spüre ich immer, was wir eigentlich alle sind, denn irgendwie hat sie so was Schwirrendes an sich, nicht, dass sie ständig verschwinden würde, im Gegenteil: Sie ist immer da; sie schwirrt um mich, um alle; sie schwirrt und setzt sich nicht nieder. Vielleicht tun wir das alle umeinander, doch bei ihr spüre ich es besonders, dieses Unfestsetzbare, während die anderen zumindest so tun, als wüssten sie, wo sich niedersetzen, wo sich hinlegen, wo mit wem welches Gespräch führen: Adorno in seinem Wohnzimmersessel; der Papagei vor der Toilette, weil dort die meisten Mädchen nicht damit rechnen, dumm angemacht zu werden, wenn sie sich gerade die Hände gewaschen haben; Fee auf dem Raucherbalkon, Häschen dort, wo sich gerade die meisten Leute ansammeln, Quentin und Tonna meist zusammen irgendwo am Rand, ausser wenn Quentin betrunken ist und auf dem Tisch tanzt, so wie gestern. Sie alle tun so, als wüssten sie, was ihr Platz ist und was man so macht an Partys. Dabei sind wir eher wie freie Radikale, zuckend und schwirrend bei Nacht. Tagsüber kleben wir in unseren Salzgittern fest und wollen nicht zugeben, dass wir uns da sicher fühlen. Wir wären alle gerne frei. Wir stünden alle gerne am staubigroten Strassenrand und warteten, bis der nächste Laster uns mit ans Meer nimmt. Und wir wären alle gerne radikal. Wir wären gerne die, die etwas Neues ausprobieren, die ersten Lederjackenträger oder Bebopspieler oder Pop-Up-Künstler. Aber alles, was wir tun, bleibt Imitation. Wenn wir am Strassenrand sitzen und Bier trinken, imitieren wir die verlorene Jugend bloss, denn wir hätten ja ein Zuhause, wo wir Bier trinken könnten. Dieses blosse Abbild einer Kultur lässt sie noch farbloser erscheinen. Wir imitieren Polaroidfotos. Selbst die Augenringe sind geschminkt. Unsere Eltern hatten schlechte Kameras. Wir haben Instagram.

Quentin: Fernsehen




Meine Haare sind nass und tropfen auf das Kopfkissen, der Stoff saugt das Wasser auf, wird feucht, wird nass, die Feuchtigkeit beginnt sich auszubreiten, kriecht meinen Nacken hinunter bis zu meinen Schulterblättern, will nach meinem T- Shirt greifen, aber ich trage kein T-Shirt.

Ich kann nicht schlafen. Die Sonne scheint auf den Balkon vor meinem Zimmer, die Bodenplatten reflektieren die Strahlen und werfen sie durch die verschmutzten Fensterscheiben in mein Zimmer, in dem sich die Hitze wie in einem Dampfkochtopf staut.

Ich stosse die Bettdecke vom Bett, als Knäuel bleibt sie auf dem Boden liegen. Ich habe die Zimmertür offengelassen und lausche darauf, dass jemand nach Hause kommt, aber niemand kommt, niemand macht die Wohnungstür auf, niemand ruft, 'hallo', ich bleibe allein.  

Ich greife nach der Fernbedienung, die auf dem Pult neben meinem Bett liegt und drücke auf den grossen roten Knopf. Der Fernseher gibt einen ekelhaft hohen Ton von sich, der in den Ohren beisst, bevor er sich einschaltet. Die Sonne scheint genau so auf den Bildschirm, dass alle Kontraste sich annähern, die klaren Umrisse verschwimmen, weil es zu hell ist, und man nur mit Mühe die Figuren im Fernseher sehen kann. Ich will einen Sender suchen, auf dem etwas läuft, das mir gefällt, aber ich sehe praktisch nie fern und kenne darum keinen einzigen Sender, also gebe ich wahllos ein paar Nummern ein.

Die ersten beiden Male kommt Mike Shiva, das dritte Mal eine Serie auf Französisch, das vierte und fünfte Mal eine Sendung, die mir irgendetwas verkaufen will und danach gebe ich es auf, irgendwelche Zahlen einzugeben und fange strukturiert von unten an und zappe mich dann hoch. Dreiundfünfzig Kanäle gibt es, bevor sich die Sendungen wiederholen, mit ein paar Ameisenbildschirmen dazwischen. Ich durchzappe die dreiundfünfzig Kanäle einmal und dann noch einmal, weil in der Zwischenzeit vielleicht die eine oder andere Sendung zu Ende gegangen sein könnte und etwas neues läuft, aber ich finde trotzdem nichts, was mir gefallen will.

Irgendwann entscheide ich mich für die Serie auf Französisch, die ich ganz am Anfang gefunden habe, aber ich habe den Sender vergessen und muss noch einmal alle Kanäle durchzappen, bis ich sie auf Nummer siebenundvierzig finde.

Ich lege die Fernbedienung weg und versuche, zu verstehen, um was es geht, aber die Serie ist schlecht synchronisiert, der Ton stimmt nicht mit den Mundbewegungen der Schauspieler überein, ausserdem knistert es irgendwie, und das verwirrt mich und dann ist mein Französisch auf einmal fort und ich verstehe nichts mehr ausser 'ma chérie' und 'merde'. Also konzentriere ich mich auf die Bilder.

Es gibt drei Frauen und drei Männer, die irgendwie zusammen in einer WG wohnen und sie sind alle hübsch und gutangezogen und heterosexuell und gehen zusammen auf Partys, auf denen sie die ganze Nacht feiern und um zwei Uhr morgens zusammen nach Hause gehen, nicht torkeln, und die Schminke der Frauen ist immer noch perfekt und kein bisschen verwischt und dann machen sie noch einen Abstecher zum Strand, der gerade um die Ecke ist, und die Frauen ziehen ihre Stöckelschuhe aus und spielen Fangen mit den Wellen und lachen und die Männer sitzen auf den Liegestühlen und rauchen und unterhalten sich über die Eroberungen der letzten Nacht. Nun ja, ich weiss nicht ganz, worüber sie sprechen, weil mein Französisch nicht mitkommt, aber sie sprechen ganz bestimmt über ihre Eroberungen der Nacht. Und dann kommt die eine Frau von den Wellen zurück und geht mit dem einen Mann fort, am Strand entlang spazieren. Die sind nämlich zusammen. Und es gibt einen kleinen Streit, es scheint, als wäre sie wütend, vielleicht wegen seiner Eroberungen, vielleicht hat er mit einer anderen Frau getanzt, keine Ahnung, das habe ich verpasst, ich kann die nicht ganz auseinanderhalten, die drei Männer. Sie klingt eifersüchtig oder traurig oder gereizt oder einfach nur müde, und dann versöhnen sie sich und er küsst sie und die Kamera zoomt weg von ihren Lippen, von ihren Gesichtern, zeigt den Strand, die Palmen dahinter, die Strandpromenade, die ersten Häuserreihen und die dahinter und die dahinter und das ganze Viertel und dann die ganze Stadt, hell und weiss und sauber, zu hell und weiss und sauber für drei Uhr nachts nach einem Partyabend, und ich mag irgendwie nicht mehr weiterschauen und schalte den Fernseher aus und es ist wieder still.

Plötzlich bereue ich es, die Bettdecke vom Bett gestossen zu haben, das Bett ist irgendwie zu gross für mich und ich umarme mein Kopfkissen, aber das ist noch nass von meinen Haaren und ich stehe auf, ziehe mir ein T-Shirt an und gehe aus dem Zimmer und aus der Wohnung, meine Schuhe finden.

Mittwoch, 6. November 2013

Aila: Sommerferien


Unas Zeit ist immer. Sie hätte die Schuhe ausgezogen, wäre sie gestern nach Hause gegangen.

Sie hätte den warmen Boden gespürt und nachher den anderen davon erzählt. Ich weiss zwar, dass der Boden warm ist, ich weiss, dass die Nacht schön und die Jugend verheissungsvoll ist, aber ich kann nichts davon spüren. Ich spüre nur, dass die Nächte schwarz sind und einsam und am Tag gibt es manchmal Kuchen, den ich dann auf meine Leinwand male oder an meine Wand pinne. Sonst gibt es hier nicht viel zu sehen.



Schon gar nicht mit achtzehn. Am achtzehnten Geburtstag, allein zuhause. Ich frage mich, was ich sonst hätte tun sollen. Ich stelle mir eine Party vor, Fee und Quentin und Tonna und Adorno und Häschen und der Papagei bei mir zu Hause. Ich hätte manchmal gerne mehr mit ihnen geredet, in den Sommerferien, dachte ich, würden wir uns bestimmt richtig kennen lernen. Aber an den Abenden im Park wusste ich den anderen nichts zu sagen, und am Ende des Abends war es nicht kühler als am Tag, und als die Schule wieder anfing, änderte sich auch nichts, ausser, dass ich meine alte Lederjacke wieder anzog und mich etwas rebellisch fühlte.



Ich denke manchmal, ich müsste aus der Jugend irgendwie schlau werden. Ich müsste irgendwelche Erkenntnisse ziehen aus dem, was geschieht: Aus den Leuten um mich herum, die One Night Stands haben und nachher erzählen, wie hässlich und aufregend es war; aus denen die Sexbeziehungen pflegen und sich dabei dauernd verarschen, oder denen, die echte Beziehungen führen und dabei gar nichts mehr machen. Ich habe all das gesehen, da muss doch jetzt irgendwann die Erkenntnis, der Punkt kommen, an dem ich daraus etwas lerne – Der Moment, in dem ich entscheide, zu heiraten, oder zum Raelismus zu konvertieren oder in ein Kloster zu ziehen oder unter die Warschauer Brücke in Berlin. Aber der Moment kommt nicht und ich stehe immer noch in meinem stickigen Kinderzimmer mit der niedrigen Decke, ich sehe und lausche und warte, bis mir selbst mal etwas passiert.